PANTAS Dorf – Eine kleine Geschichte aus Nepal

PANTAS DORF / Eine kleine Geschichte aus Nepal

Der Aufbruch aus Kathmandu geschieht am frühen Morgen, noch in der Dunkelheit. Ich folge einer Einladung von Panta, meinem langjährigen und treuen Guide und Freund, den ich auf meinem ersten Trek vor etlichen Jahren in Nepal kennen lernen durfte, in sein Heimatdorf.
Tej, sein Sohn, holt mich vom Hotel Janak ab und fährt mit mir im Tuk-Tuk zum Buspark Jiri. Es herrscht eine rege Betriebsamkeit an der Busstation. Wegen des beginnenden Tihar-Festes sind alle Busse zum Bersten voll, denn jeder möchte zu seiner Familie, um dieses fünftägige Hindu Festival gemeinsam mit ihr zu zelebrieren. An jedem Tag dieses Hindufestes dominiert ein anderes Thema und alle sind vereint in dem höchsten Ziel dieses Festivals: die Gottheiten und die Geschenke des Lebens zu feiern. Ein Gewimmel von Menschen, ein scheinbar chaotisches Durcheinander für den Betrachter, der es mit westlichem Auge sieht. Als um kurz nach sechs die Dunkelheit beginnt sich aufzulösen und in einen feuchtgrauen und dunstigen Tagesanbruch übergeht, setzt sich der menschenschwangere Bus in Bewegung. Es ist ein „Localbus“, wie Tej kurz vor der Abfahrt und augenzwinkernd bemerkt. Anders ausgedrückt: Das Vehikel ist ökonomisch voll ausgelastet, auf „nepalesische Art und Weise“ mit Reisenden angefüllt. Die Abstände der Sitzbänke zueinander sind „asiatisch“ angeordnet. Bereits nach kurzer Fahrtzeit beginnen mir die Beine einzuschlafen – mit meinen Einsneunzig ist es für mich eine wahre Übung in Kontemplation und Geduld. Wie entspannend kann das Wandern in den Bergen sein, wie schön ist es die unablässige Bewegung der Beine dabei zu genießen – tröstende Gedanken im Hinblick auf das noch Kommende. Das Unterwegssein mit dem Bus stellt in Nepal eine große Herausforderung für die meisten Touristen dar. Beginnend mit dem Auffinden des richtigen Busses auf den unübersichtlichen Busstationen, den oft langen Fahrtzeiten, den ruppigen Straßen, der erdrückenden, ungewohnten Enge. So ist von den Passagieren auch viel Muße gefordert, um etliche Stunden des Wartens aufgrund von Pannen oder Erdrutschen, stoisch zu erdulden.

>>>>>>>Hier geht es weiter mit der Geschichte, die Sie vielleicht schon im Editorial unseres Reiseprospekts 2019 begonnen haben>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>

Immerhin erreichen wir ohne Zwischenfälle und auf größtenteils asphaltierter Straße, nach drei Stunden die Ortschaft Dolalghat, wo der Indrawati auf den Sun Kosi Fluss trifft. Als heilig gelten solche Orte, wo sich zwei Flüsse vereinigen und werden in Nepal als Sangam bezeichnet.
Die nun zurückgelegte Entfernung zu Kathmandu beträgt etwa fünfzig Kilometer. Panta kommt lachend und winkend dem Bus entgegen gelaufen, um mich zum anderen Flussufer zu führen, welches über eine Hängebrücke, die nur von Fußgängern genutzt werden kann, zu erreichen ist.
Wir beschleunigen unsere Schritte, beginnen schließlich zu laufen, um den Anschlussbus noch rechtzeitig zu bekommen. Aber, trotz aller Eile sehen wir ihn gerade noch hinter einer Wegbiegung und in einer Staubwolke verschwinden. Da stehen wir nun, außer Atem und zurückgelassen auf einem großen Platz, der von Fahrzeugspuren wild zerfurcht ist. Ein weiterer Bus läßt den Motor aufheulen, startet und eine schwarze Wolke von Ruß hüllt ihn ein. Schiefe, wellblechgedeckte Hütten säumen diesen öden Ort. Die Hütten beherbergen kleine Läden und Teestuben.
Der nächste Bus in unsere Richtung soll erst in fünf Stunden fahren. In fünf Stunden etwa – vielleicht?! Hast ist nicht geboten – Geduld ist wieder einmal gefordert. Gesüßter Milchtee und Sel Roti, in Öl frittierte Teigringe, die aus gesüßtem Reismehl hergestellt werden und in den Garküchen an den Straßen allgegenwärtig sind, sind mein verspätetes Frühstück. Eine Gruppe Nepalesen, offensichtlich auch bestrebt ihre Weiterreise fortzusetzen, steht heftig diskutierend um einen Kleinlaster herum. Panta teilt mir mit, dass dieses Grüppchen den Laster zur Weiterfahrt chartern will – vorher muss allerdings noch der Fahrer aufgetrieben werden. Die Suche nach dem Fahrer stellt sich offensichtlich als ziemlich schwierig heraus. Nach einer Stunde wird plötzlich die Ladeklappe des Wagens geöffnet und die Einheimischen springen auf die Ladefläche. Taschen, Rucksäcke, Kanister, Säcke und Kinder unter die Arme geklemmt, entern sie das Gefährt und sichern sich ihre Plätze. Panta und ich springen ebenfalls schnell dazu. Der LKW ist im Nu maßlos überfüllt. Überfüllt allerdings nur, wenn westliche Maßstäbe angelegt werden – an hiesigen Verhältnissen gemessen ist es eine völlig normale Situation. Nachdem ich mir aus meinem Rucksack eine einigermaßen komfortable Sitzunterlage geschaffen habe und mittels eines Sackes und irgendeiner Tasche sogar noch ein Rückenpolster gebaut habe, denke ich, dass es nun allmählich Zeit zur Abfahrt ist.
Nichts passiert. Mütter stillen in aller Seelenruhe ihre Kinder. Die hochstehende Sonne brennt erbarmungslos auf die Menschen auf der Ladefläche nieder. Kein Motor wird gestartet. Einige der Passagiere steigen ab, begeben sich an die Tische der umliegenden Teebuden. Ich setze mich eben-falls unter ein schattenspendendes Wellblechdach an einen Tisch.
Der Fahrer sei immer noch nicht gefunden, der Preis stehe noch nicht fest, außerdem soll eventuell noch ein Bus kommen, erklärt mir Panta gestenreich. Ich beobachte die Menschen um mich herum, bin fasziniert von den farbenfrohen Saris der Frauen, ihren, in der Sonne glänzenden blauschwarzen Haaren, die kunstvoll geflochten und oft von roten Bändern zusammen gehalten, in langen Zöpfen über Rücken und das Tuch der Kleider hinab fallen. Stunde um Stunde vergeht. Die Sonne hat mittlerweile ihren höchsten Stand überschritten. Die Gläser mit Tee, die ich inzwischen getrunken habe, sind nicht mehr zählbar. Besonders von den vielen Kindern werde ich in Augenschein genommen. Neugierig schauen sie mich unablässig an. Die Erwachsenen starren auch auf meine, für sie sicherlich sehr exotische Erscheinung. Touristen verirren sich hierher wohl nicht so häufig.
Sobald ich allerdings ihre Blicke erwidere, schauen sie verschämt weg, lachen ein kindliches Lachen und nehmen mich erneut ins Visier, sobald ich meinen Blick wieder abgewandt habe.
Zwischen dem Tee nehme ich meine Kamera in die Hand, um Fotos von der Szenerie der wartenden Menschen zu machen. Beharrlich an das Warten gewöhnte Nepalesen, welche die Situation mit der sprichwörtlichen asiatischen Gelassenheit hinnehmen. Eine Komposition, die den Betrachter zur Beschaulichkeit einlädt: spielende Kinder, Männer und Frauen in den Teehäusern, die hinter den fauchenden Kerosinkochern stehen und damit beschäftigt sind, den Nachschub an heißem Tee und dem allgegenwärtigen und zu jeder Tageszeit verspeisten Nationalgericht Dal Bhat zu liefern. Plötzlich und auf einen Schlag löst sich diese Szenerie auf, Menschen geraten in Bewegung, alles geschieht mit einem mal ungewohnt schnell. Ein Dieselmotor brummt auf, schwarze Rauchschwaden werden über den staubigen Weg, der in gleißendem Licht liegt, hinweg geblasen. Wartende springen erneut auf die Ladefläche des kleinen LKW´s. Babys schreien. Habseligkeiten werden von ihren Besitzern zusammengerafft.
In kurzer Zeit hat sich die kunterbunte Schar von Reisenden auf dem indischen „Tata“ erneut zusammen gefunden. Tatsächlich fährt das Fahrzeug auch sogleich in hohem Tempo los. Steil windet sich die Piste, die von Reifenspuren vielfach durchzogen ist, einen Bergrücken hinauf. Der lehmbraune Weg schlängelt sich in Serpentinen durch Gestrüpp und mit Wald bewachsene Hänge. Auf der Ladefläche wird das Gepäck mitsamt den Menschen kräftig durchgeschüttelt und zu einer homogenen Masse vermischt, der sich noch der feine rotbraune Staub des Weges hinzufügt. Zornig heult der Motor auf. Im niedrigsten Gang quält sich das Gefährt den steilen Berg hinauf. Wieder und wieder folgen enge Kurven, gähnend tiefe Abgründe und oft ist unsere Route so stark verschlammt, haben sich Fahrspuren so tief eingefressen, dass ich an einem Weiterkommen zweifele. Aber, schließlich und nach endlos erscheinender Fahrt, welche das Sitzfleisch und sämtliche Muskeln gefordert hat, erreichen wir, hoch über dem Sun Kosi Fluss, einen Bergrücken. An einer kleinen Ansammlung von puristisch anmutenden Hütten, in denen sich ein kleiner Gemischtwarenladen oder ein Bhaati, ein Teehaus, befindet, stoppen wir. Mitreisende springen – erleichtert wirkend – von der Ladefläche ab. Eine wohltuende Stille, durch das Verstummen des Dieselmotors hervorgerufen, macht sich angenehm bemerkbar. Gläser füllen sich wieder und wieder mit Masala Chai, dem gewürzten Milchtee, der in Nepal in jedem Restaurant, an Straßenständen und von fliegenden Händlern feilgeboten wird. Ich esse eine Schale mit der ebenfalls überall erhältlichen Ra-Ra Nudelsuppe. Der „Tata“, der ursprünglich noch in der von uns benötigten Richtung weiter fahren wollte, wendet und ist auch schon hinter der nächsten Kehre in einer Wolke aus rotbraunem Staub und Dieselruß verschwunden. Es blieb nicht einmal Zeit, den Fahrer nach dem Grund seiner Sinneswandlung zu fragen, die geplante Fahrt nicht weiter fortzusetzen. Ich beeile mich mit der Suppe, schultere meinen Rucksack und gehe mit Panta an meiner Seite in Richtung der bereits untergehenden Sonne. Unsere Schritte werden größer und schneller, denn die Dämmerung schreitet hier, in Nähe des Äquators, rasch voran. Ein schmaler Pfad führt steil einen Hang hinunter. In der Dunkelheit erreichen wir schließlich und endlich Arubot – Pantas Dorf. Letztendlich habe ich zwölf Stunden benötigt, um Pantas Dorf zu erreichen und das, obwohl es sich nur knapp hundert Kilometer von der Hauptstadt Kathmandu entfernt befindet. Wieder einmal war der Weg das Ziel.
Lachend und herzlich begrüßt mich Pantas Frau. In Windeseile hat sie ein Feuer aus der Glut entfacht. Kurze Zeit später serviert sie Dal Bhat, das wohlschmeckend und nahrhafte nepalesische Alltagsgericht, welches sich aus Reis, schwarzen zerkochten Linsen und Gemüse der Saison zusammensetzt.
Unmittelbar nach dem Essen gehe ich zu Bett, erschöpft von der Fahrt falle ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Gleich mit Anbruch des neuen Tages und vom lautstarken Hofhahn geweckt, stehe ich auf und beginne meine neue Umgebung wissbegierig zu erkunden. Die Häuser von Arubot liegen verstreut an einem steilen Hang, an dem die Felder terrassenförmig angelegt sind.
Die Felder, welche die einzelnen Häuser des Ortes einrahmen, sind nun zum größten Teil abgeerntet. Es grünen nur noch kleinere Gemüsebeete mit Mangold und Kohl. Weiß gekalkt sind die Wände der Häuser. Ein Streifen aus Lehm zieht sich in einer Breite von einem halben Meter um den unteren Teil der Außenwände, die von nur wenigen Fensteröffnungen durchbrochen sind. Mit Reisstroh oder Wellblech gedeckt sind die spitzwinkligen Giebeldächer. Die buddhistisch geprägte Volksgruppe der Tamang und Hindi aus der Kaste der Chetri bevölkern dieses Bergdorf mit etwa vierhundert Seelen. Elektrischen Strom gibt es ebenso nicht, wie eine Kanalisation. Wasser kommt aus schwarzen Plastikschläuchen, die über der Erde verlegt sind und in einen höher gelegenen Bergbach ihren Ursprung haben.
Das Alles wirkt wie eine Kulisse aus einem vergangenen Jahrhundert und dieses Zeitalter wird hier auch noch eine Weile andauern. Zeitlosigkeit. Panta wohnt mit seiner Frau, zwei Töchtern und zwei Söhnen hier. Tej, der älteste Sohn studiert in der Hauptstadt Kathmandu und ist nur noch selten in seinem Dorf.
Am Nachmittag sitzen wir, natürlich mit einem Glas Masala Chai in der Hand, in der friedlich wirkenden Idylle auf der Terrasse vor dem Haus. Umgeben sind wir dabei von einigen Haustieren. Hoch über den in der Ferne unter uns rauschenden Wasser des Sun Koshi Flusses, stellt mir Tej nach einiger Zeit des andächtigen gemeinsamen Schweigens plötzlich die Frage, ob ich denn weiß, was „Nepal“ bedeutet? Ich überlege kurz, allerdings habe ich keine Antwort. Untermalt von seinem sympathischen Lächeln erklärt er mir: „never ending peace and love“. Hier an diesem friedlichen Ort, ist das in diesem Moment überaus zutreffend und möge es immer so sein, wünsche ich hoffnungsvoll und in meinem tiefen Inneren.
Panta und seine Familie sind durch den Garten und das Land, welches das Haus umgibt, Selbstversorger wie alle Dorfbewohner. Viele der Männer arbeiten in der Trekkingsaison als Mountainguides oder Träger. Das Haus, in dem ich die kommende Woche verbringen werde, hat das Grundmaß von circa zweimeterfünfzig mal sechs Meter und besteht im Erdgeschoss aus einem einzigen Raum, der in einer Ecke eine offene Feuerstelle ohne Kamin aufweist. In der dem Feuer entgegengesetzten Raumecke, die mit einer niedrigen Mauer abgetrennt ist, befinden sich drei Ziegen und ein Dutzend Hühner. Ein Huhn brütet in einer Mauernische. Eine symbiotische Lebensgemeinschaft aus Mensch und Tier. Tische oder Stühle gibt es nicht. Zum Essen sitzen wir auf Maisstrohmatten, die auf dem gestampften Boden aus Lehm und vis á vis der Feuerstelle liegen. In der letzten Ecke des Raumes befindet sich ein Mühlstein.
Das Haus hat nur drei Öffnungen. Die niedrige Eingangstür, die für mich aufgrund meiner Körpergröße immer wieder eine schmerzvolle Erfahrung liefert, ist zum stattfindenden Tiharfest mit Blumengirlanden überspannt. Ein glasloses Fenster im Parterre, wo auch der größte Teil des Feuerrauches abzieht und ein weiteres im ersten Stockwerk, wo sich die Schlafräume befinden, bilden zwei weitere Hausöffnungen, die mit hölzernen Fensterläden versehen sind. Kleine Gruppen von Kindern ziehen heute singend von Haus zu Haus um Süßes, Reis und Rupees zu sammeln. Feierlich werden ihnen diese Dinge, nachdem sie das Lied beendet haben, auf einem Blechteller gereicht. Eine Kerze brennt darauf und eine Girlande aus gelben Tagetes Blumen umkranzt das Dargereichte festlich. Die singenden und von Haus zu Haus ziehenden Kinder, welche in Erwartung möglichst vieler kleiner Präsente sind, erinnern mich an das Martinssingen aus meiner eigenen Kindheit, als ich ebenso und gemeinsam mit anderen Kindern in unserem Dorf von Haus zu Haus zog. Der Haupttag des Tihar-Festes, an dem die Schwestern ihren Brüdern die Tika, einen Punkt aus Sandelholz und roter Farbe zur morgentlichen Puja auf die Stirn drücken, ist gekommen. Dieses Zeichen, dieses dritte Auge, welches die spirituelle Verbundenheit mit dem Göttlichen symbolisiert, wird den ganzen Tag auf der Stirn belassen. Die morgentliche Puja, diese „Verehrung“ oder „Ehrerweisung“ ist ein im Hinduismus täglich praktiziertes Ritual und gehört zu den wichtigsten Bestandteilen des religiösen Alltags. Gegenstand der Verehrung ist das Göttliche in einer Statue aus Metall, die z.B. Shiva mit seinem Dreizack darstellt oder ein buntes Papierbild einer Gottheit aus dem unendlichen Pantheon der hinduistischen Götterwelt. Am frühen Morgen werde ich von Pantas Frau Samita gefragt, ob ich heute ihr Bruder sein möchte. Feierlicher Duft von Räucherstäbchen breitet sich überall im Haus aus. Ihr Bruder Krishna ist heute leider unterwegs und so hat sie niemanden, den sie zum Tag des Bruders verwöhnen kann. Den ganzen Tag kulinarisch von der Dame des Hause verwöhnt zu werden, klingt viel verheißend und ohne weiter zu überlegen, willige ich gerne ein. Ich werde mit Speisen und süßen Leckereien nur so überschüttet und komme mir vor wie ein Pascha. Aber die Höflichkeit, aufgrund der mir zugedachten überschwänglichen Gastfreundschaft, duldet keinen Widerspruch, auch wenn die Aufnahmekapazität meines Magens begrenzt ist. Nach diesem Verwöhntag habe ich nicht nur eine nepalesische Schwester, sondern auch zwei Neffen und zwei Nichten – so bin ich spontan zu einer netten, kleinen nepalesische Familie gekommen und ich werde von ihnen von nun an „Uncle Peter“ genannt.
Mittags – als die Sonne im Zenit steht – fällt der Kopf einer Ziege auf die Steinplatten des Innenhofes von Pantas Haus und direkt vor meine Füße. Präzise ist der Schlag mit dem zuvor sorgsam geschärften Kukri, den Kamal, Pantas Bruder, ausführt. Eine kurze Weile noch rollen die Augen hin und her, vibrieren die Nüstern, wackeln die Ohren, die Zunge hängt schlaff aus dem Mäulchen, der Blick erkaltet und die Augen starren in die Leere, in das große ferne Nichts.
Zwei Männer halten den kopflosen Körper über eine Schüssel, stoßweise gibt dieser hellrotes Blut von sich, welches sorgsam aufgefangen wird. Die Tötung der Ziege ist aber keinesfalls gegen ihren Willen geschehen – zuvor hat sie durch heftiges Schütteln ihres Kopfes die Zustimmung zu ihrer Schlachtung erteilt. Die Bewegung des Kopfes zur linken und rechten Seite gilt in Nepal als Bejahung. Allerdings muss der Vollständigkeit halber angemerkt werden, dass mittels eines kleinen Tricks ein wenig nachgeholfen wurde: während das Kukri, dieses schwere, machetenartige, gekrümmte Messer, welches durch die Ghurka-Soldaten berühmt wurde und das Alltagswerkzeug der Nepalesen schlechthin ist, noch auf seine Schärfe überprüft wurde, hatte Panta sanft auf die Ziege eingeredet und sie gefragt, ob sie denn mit seiner Beförderung in das, wohl auch von nepalesischen Ziegen angestrebte, Nirvana einverstanden sei.
Panta hatte dann, unmittelbar nachdem dem das Tier die Schicksal besiegelnde Frage gestellt wurde, Wasser auf das Haupt des angehenden Festbratens geträufelt, worauf die Ziege heftig begann Selbiges zu schütteln. Nun brauchte niemand, der an der Aufteilung des Fleisches Beteiligten, ein schlechtes Gewissen zu haben, das Tier hatte es ja so gewollt und sein Schicksal selbst entschieden.
Am Nachmittag ist das Tier bereits gehäutet und in Portionen aufgeteilt. Am Abend gibt es mir und meinem Besuch zu Ehren ein Festessen aus Ziegenfleisch, Reis und Gemüse – alles frisch und herangewachsen in dem vergessenen Tal von Arubot.
In diesem weltabgeschiedenen Tal, das ich heute, nachdem ich eine Woche hier verbracht habe, wieder verlassen werde, kam ich mir zeitweise vor wie die Protagonistin aus Marlen Haushofers Roman „Die Wand“. Zeitlos und unerreichbar für die Welt, die aufgehört hat zu existieren, abgeschlossen und isoliert, ohne eine Chance dieses Tal jemals wieder verlassen zu können, da eine imaginäre und undurchdringliche Wand es umgibt. Doch erschreckend ist diese Vorstellung für mich keineswegs. Im dichten Morgennebel steige ich mit Krishna, meinem neuen Bruder, der gestern wieder im Dorf eingetroffen ist und dessen Abwesenheit ich meine neue nepalesische Familie zu verdanken habe, die steilen Hänge durch die von der Nacht noch kühlen Felder hinauf. Hell und freundlich empfängt uns die frühe Sonne auf der Anhöhe. In ein Meer von Dunst getaucht liegen die Häuser von Arubot unsichtbar unter uns. Unsichtbar und für die andere Welt unbekannt und unerreichbar.
Der Bus ist schon abgefahren. Das Brummen seines Motors in der Ferne ist noch zu hören. Geräuschvoll quält er sich mit seiner Menschenfracht durch die nicht enden wollenden und engen Serpentinen. Krishna und ich eilen die steilen Hänge hinauf und schaffen es tatsächlich nach einer Weile, durch Abschneiden des Weges, das rußige Schwaden von sich gebende und betagte Vehikel einzuholen. Ich bin mächtig am Schnaufen und nass vom Schweiß. Ein paar Plätze sind noch frei – die schönsten, aussichtsreichsten und bequemsten und dazu noch mit der besten Luft. Krishna klettert zuerst hinauf, ich reiche ihm meinen Rucksack, dann steige ich ebenfalls hinauf auf das Dach des Busses, der in seinem Inneren wieder voll gestopft ist mit Menschen. An jeder Ansammlung von Hütten stoppt das Gefährt und Nepalesen und ihre Habe lassen den anfänglich großzügigen Raum hier oben auf dem Busdach um mich herum immer mehr schrumpfen. Sogar ein Motorrad und zwei Ziegen gesellen sich zu der bunt gemischten Fracht. Die nun folgende und von mir erwartete, wenn auch nicht erhoffte Reifenpanne, stellt sich nach wenigen Kilometern ein.  Man könnte auch sagen: die obligatorische Panne einer Busfahrt in Nepal, ohne dabei überheblich zu sein, ist planmäßig eingetreten.
Irgendwann, als klein unter uns Dolalghat in einem weiten Flusstal auftaucht, nutzen Krishna und ich einen kurzen Stopp, um uns aus der engen und mittlerweile unerträglichen Hockposition zu befreien. Wir entfliehen flink unseren „Hochsitzen“ des Busses, um wieder unsere Beine zu gebrauchen. Die eingeschlafenen Extremitäten brauchen erst eine Weile bis sie wieder gehorchen. Die wiedererlangte Freiheit – sichtlich genießend – rennen wir den Berg hinunter und nehmen erneut den Wettlauf mit dem Bus auf. Immer schneller werdend springen wir steile, von tiefen Erosionsfurchen durchzogene, Berghänge hinunter. Das Brummen des Motors des betagten „Tata-Busses“ , der mal über uns, dann wieder unter uns die engen Kehren nimmt, ist unser ständiger akustischer Begleiter.
Bedrohlich wiegt er sich in den engen Kurven hin und her – legt sich mal zu der einen, mal zu der anderen Seite, als wolle er sich der Menschenlast auf seinem Dach entledigen, wie ein noch nicht eingerittenes wildes Pferd sich seines Reiters entledigen will. Kurz nachdem wir unser Dal Bhat zum Lunch verspeist haben, schaukelt der Bus nach Dolalghat hinein, eine mächtige und rötliche Staubfahne zieht er dabei hinter sich her. Nur weil wir der „Diretissima“ folgen, den Weg, den wir in Falllinie und dabei die Serpentinen abschneiden, vom Berg nehmen, sind wir deutlich vor dem Bus im Ort. Lärmend verlässt eine bunte Menschentraube die Enge des nun verstummten „Tata“ – ein jeder ist sichtlich erleichtert aufgrund der wiedergewonnenen Freiheit. Die wenigen Hütten unter deren Wellblechdächern bereits große Töpfe mit Reis vor sich hin kochen, werden im Sturm besetzt.
Szenewechsel: Kathmandu, Hotel Janak. Den Vormittag verbringe ich in Pashupatinath, den Nachmittag mit Einkäufen im Thamel. Am nächsten Tag sitze ich wieder eingepfercht, diesmal in dem Bauch eines Kerosinvogels, der mich in zwölf Stunden siebentausend Kilometer durch die Lüfte und in mein Heimatland zurückbringt.
Es ist einer dieser grauen und feuchtkalten Novembertage, als ich am frühen Abend in München dem Bauch des Vogels wieder entsteige.
Menschen hasten eilig und geschäftig wirkend aneinander vorbei. Keiner beachtet den anderen. Autos rasen, die Zeit jagt dahin – ich bin zurück im Hochgeschwindigkeitsland.
Im Hochgeschwindigkeitszug, der nach Norden rast, lümmele ich mich in einen bequemen, weich gepolsterten Sitz und nehme häppchenweise die „News“ aus einer Tageszeitung zu mir.
Ein Reiseveranstalter wirbt in einer Anzeige mit dem Slogan: „Komm auf die Insel, wo die Zeit stehen geblieben ist.“

Peter Christmann